An fremden Ufern
So um Mitternacht in Panajachel angekommen. Das Hotel gefunden. Alle Knochen wieder dort hingetan wo sie hingehören und geschlafen. Am Morgen mein erster Gedanke, runter zur Seepromenade, e Kaffi und e Gipfel und dann mal Panajachel schauen gehen. Typisch Turista halt. Nur, da war keine Seepromenade und da war auch kein Kaffeehaus. Ein schmaler Weg führt zum Ufer und ich finde diesen, weil ich zwei jungen Typen in Shorts und Badelatschen nachlaufe. Also, das sind etwa 10 schmale Bootsstege, überall kleine Boote und (noch) wenige Leute die auch dahin gehen und in die Boote steigen. Die scheinen alle zu wissen wo sie hinwollen. Ich stehe mal raus auf einen dieser Stege und geniesse die Sicht. Alles erinnert mich an den Lago di Lugano. Ähnliche Distanzen zu den gegenüberliegenden Ufern, die Berge ringsum und schön warm. Ja und da steht auch ein alter Bekannter, da steht der Monte Bre.



Während ich so dastehe, einerseits meinem Kaffee nachtrauere und andererseits begeistert von der Umgebung, füllt sich das kleine Boot neben mir mit Passagieren. Bunt gemischt, einheimische und Touristen. Das Boot ist voll, da springt noch eine junge Frau drauf und setzt sich vorne auf den Bug des Bootes. Ich denke noch, bei uns auf der Fähre ginge das nicht, und springe hinterher. Ich habe keine Ahnung wo das Boot hinfährt. Nun, einen Kaffee gibt es vielleicht auf der anderen Seite vom See. Das Boot legt ab und wir fahren relativ nahe am Seeufer entlang. Wir fahren an tollen, in den Berghang gebauten Bungalows, an kleinen Buchten und Privatstränden vorbei. Ja, was soll ich sagen. Ihr kennt das alles von unzähligen Seefahrten auf unseren Seen. Nur die Vegetation ist viel wilder und nicht so (über) gepflegt wie bei uns. Kräftige Farben und sehr schön.
Nach etwa 10 Minuten steuert das Boot einen Landungssteg an. Eine sehr kleine Siedlung mit etwa 10 Ferienhäuser. Zwei einheimische die zur Arbeit fahren, steigen aus und niemand steigt ein. So geht das etwa 5-6 Stationen weit. Bezahlt wird beim Aussteigen, so meine Beobachtung. Ich habe unterdessen auf der anderen Seite einen Ort als mögliches Ziel ausgemacht und bereite mich langsam darauf vor.

Mit der jungen Dame im Bug des Bootes habe ich mich inzwischen bekannt gemacht. Ist gar nicht anders möglich, bei den engen Verhältnissen. Ich will am Ort meiner Wahl aussteigen, da erklärt mir Mina, so Ihr Name, die nächste Ortschaft sei viel hübscher als diese. Und so fahre ich noch einen Landungssteg weiter. San Juan, heisst der Ort und wir steigen aus. Sie bezahlt, ich bezahle und bemerke, dass Mina mir etwas andeuten will. Es geht alles sehr schnell und als das Boot wieder ablegt erklärt mir Mina, dass ich viel zu viel bezahlt hätte. Das dreifache als normal. Anstatt 30 Quetzal habe ich 90 bezahlt. Tja, der Spitzbube hat natürlich meine Unsicherheit mit Sprache und Währung blitzartig erkannt und genutzt. Ok, die umgerechnet sechs Stützli sollen Ihn freuen. Ist ja bald Weinachten.
Mina erklärt mir, dass Sie zwei ganz bestimmte Orte hier auf San Juan besuchen will. Nämlich eine Bienenzucht mit Bienen ohne Stachel und eine kulturelle Organisation welche sich um die Erhaltung von sehr alten handwerklichen Techniken bemüht. Ich bin sofort begeistert und erkläre Ihr, mein dringlichstes Bedürfnis sei nur Kaffee trinken und ob ich mich Ihr anschliessen dürfe. Sie lacht und ist einverstanden. Und so trinke ich meinen Kaffee in höchst hübscher Gesellschaft und wir machen uns anschliessend auf den Weg zur Bienenstation. Mina ist 22 Jahre alt, Engländerin aus London, ursprünglich türkischer Abstammung und arbeitet in Panajachel für eine NGO. Diese unterstützt in Panajachel eine Ausbildungsstätte für Jugendliche. Heute ist Ihr freier Tag. Toll denke ich und beglückwünsche mich in das Boot gesprungen zu sein.



Die Bienenstation ist etwas ausserhalb von San Juan gelegen. Ein wunderbarer Hort der Ruhe mit wunderbarem Patio. Die Bienenhäuschen allerliebst mit roten Niklaus Mützen ausgestattet. Alles in Miniatur. Die Bienen, die kleinsten der Welt, nicht grösser als Motten, und die Bienenhäuschen. Ich denke, Kunststück stechen die nicht. Wenn der Stachel schwerer ist als die Biene.
Zu Achtzig Prozent wird hier Honig für medizinische Zwecke produziert. Mina und ich erhalten eine exklusive Führung durch dieses kleine Paradies. Die Produkte werden uns gezeigt und wir probieren und verkosten. Anschliessend unterhalten wir uns mit Antonio und Angela, der Inhaber-Familie und erfahren, dass schon seit drei Generationen diese Bienenstation von Ihrer Familie betrieben wird. Der Gründer war Angelas Grossvater und ist auf einer der Mauern gross aufgemalt. Irgendwie verspüre ich, dass dies ein ganz besonderer Moment ist auf meiner Reise. Diese Menschen hier haben ein ganz besonderes Etwas, dieser Ort, die Umgebung. So ganz kann ich es nicht erklären. Aber spüren.





Wir verabschieden uns und eine der Mitarbeiterinnen bringt uns an den nächsten Ort. Es ist eine kleine Schule, ausschliesslich für Mädchen. Hier wird die Jahrhunderte alte Kunst des Webens und vor allem das färben von Textilien weitervermittelt. Mina und ich sind die einzigen hier und erhalten auch hier eine exklusive und ausführliche Demonstration dieser uralten Techniken. Es ist einfach super.

Vor allem das Färben finde ich faszinierend. Alles Naturstoffe, Blüten, Blätter, Baumrinden etc. welche eine bestimmte Grundfarbe ergeben und dann mit minimen Zutaten eine völlig andere Farbe erhalten. So wird z. B. aus einem grünen, von einer bestimmten Blattart erstellten Farbstoff, unter Beigabe von wenigen Tropfen Zitronensaft, eine völlig andere Farbe erzeugt. Verblüffend einfach und höchst effektiv.
Das Ganze wird uns in einem sehr hübschen, mit Stoffen, Blusen, Hemden, Hüten und allerlei Stoffzubehör, eingerichteten Raum vermittelt. Mit dem Erlös dieser Waren wird diese und die nebenstehende Ausbildungsstätte finanziert.
Wir kaufen beide ein. Mina will Ihrer Mutter ein grosses Umhangtuch schenken. Per Telefon mit London finden die beiden dann gemeinsam die richtige Farbe. Unter anderem kaufe ich mir eine typische guatemalteser Mütze aus Stoff. Einkaufen macht selten so Spass. Zumal die Preise mehr als nur moderat sind. Ich muss mich aus Transport- und Platzgründen sehr zurückhalten. Bin ja noch ein paar Wochen unterwegs.
Nebenan ist ein Zimmer, ausgerüstet mit Schulbänken und uralten IBM Schreibmaschinen. Hier werden Mädchen zu Sekretärinnen ausgebildet. Das wird uns explizit so erklärt. Während der Pandemie waren es vor allem Mädchen die von der Schule ausgeschlossen waren. Warum auch immer und mit welcher Begründung, das erfahren wir nicht. Ich will das nicht kommentieren. Es ist einfach zu blöd.



Die Schulleiterin schiebt auf einmal die Wandtafel zur Seite. Dahinter ist auf einer Fläche von ca. 50 cm der Verputz abgekratzt. Sichtbar werden mit Sand gefüllte Petflaschen. Stolz erklärt Sie uns, dass alle drei Schulgebäude mit diesem System gebaut wurden. Ökologisch sinnvoll und erst noch gut isolierend.
Wir unterhalten uns noch eine Zeitlang und dann müssen wir uns verabschieden. Wir verlassen hier zwei sehr spezielle Orte. Die Imkerfamilie und diese Schule, die versucht aufgerissene Lücken wieder zu schliessen. Spezielle Menschen, spezielle Orte. Fast widerwillig laufe ich hinter Mina wieder Richtung Ortsmitte. Wir besuchen noch einen kleinen Kakaofabrikanten und lassen uns zeigen, jetzt in einer Gruppe, wie aus der Kakaobohne, Kakao und dann Schokolade gemacht wird. Mit meinen Gedanken bin ich noch oben am Hügel bei den kleinsten Bienen der Welt und in der Schule. Kleine Biotope die Hoffnung machen.


Mina und ich kehren irgendwo ein und trinken einen Saft. Sie telefoniert mit einem Arbeitskollegen und erklärt mir dann, dass er noch in dieser Nacht nach San Salvador zu seiner Familie reist um Weinachten zu feiern. Er habe sich soeben verabschiedet. Ich werde hellhörig, den dorthin will ich auch.
Also, langer Rede kurzer Sinn, nach zwei drei Telefonaten mit Gonzalo, so heisst der Kollege, habe ich alle Infos die ich brauche. Ich verabrede mich mit Ihm um halb vier in der Früh vor einem Hotel im Ort und dann werden wir gemeinsam mit einem Chicken Bus nach Guatemala City und von dort mit dem Linienbus nach San Salvador reisen. Nun, mit einem fast Einheimischen wage ich es, nach Guatemala City zu reisen. Mina entpuppt sich als eine wahre Glücksfee und ich sage Ihr das. Es ist ein köstlicher Tag.
Sie trifft am späten Nachmittag noch jemanden in San Juan und ich muss langsam ans zurückfahren denken. Wir verabschieden uns oben im Dorf. Ein herrlicher Tag geht zu Ende und ich weiss jetzt schon, da waren Momente in San Juan, die werde ich nie vergessen.
Die Rückreise ist dann wieder brutaler Alltag. Der See ist etwas in Bewegung und es ist ziemlich luftig. Der Bootsfahrer fährt in hohem Tempo über die Wellen und die Gischt macht uns alle nass. Ziemlich nass. Das kümmert den Idioten überhaupt nicht. Ok, wir kommen an und damit schliesst auch dieser Bericht. Was soll ich Euch sagen liebe Freunde zu Hause. Dass Mann/Frau öfters an unbekannten Ufern zum Kaffee gehen sollten??
Von Panajachel habe ich nichts gesehen. Aber San Juan, olalala!!!!
Saludos
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