Ja, liebe Mitreisende, ich steure langsam aber sicher auf einen der Höhepunkte meiner Reise hin. Immer dann, wenn Ihr auf meinem Blog gelandet seit, habt Ihr ihn gesehen. Den alten Patagonien Express. Es war der Schriftsteller Paul Teroux, der dem Zug diesen Namen gab.
Er fuhr 1978 noch auf der ganzen Strecke von Ing. Jacobacci über Maiten bis nach Esquel. Das waren damals etwa 700km und die Fahrt dauerte etwa 14 Stunden. Heute fährt «die Kleine» oder «das Spürchen» noch ca. 25km von Esquel hinaus in die Pampas nach Nahuel Pan, einem kleinen Ort der diesen alten indianischen Namen trägt. Er ist zu einer reinen Touristenattraktion geschrumpft. Leider muss ich sagen. Es existieren jedoch Pläne, die den Zug wieder zur alten kleinen Grösse bringen wollen. Die ganze ursprüngliche Strecke von Ing. Jacobacci, über Maiten nach Esquel, soll dereinst wieder befahren werden.
Nachdem bei meinen geplanten Zugfahren bisher längst nicht alles nach Wunsch gelaufen ist, nähere ich mich der Trochita mit äusserster Vorsicht. Von allen den Zügen die ich auf meiner Reise nutzen oder befahren wollte, hatte bisher nur der El Chepe, hoch oben in Norden von Mexiko, stattgefunden. Den Tren el Sur in Bolivien habe ich nicht mal gesehen. Immerhin, einen seiner Bahnhöfe in Uyuni, den kenne ich jetzt. Die Andenfahrt in Ecuador von Guayaquil nach Quito findet seit der Pandemie vorläufig gar nicht mehr statt und der Zug in den Wolken, in Salta, war ein schlechter Witz. Also versuche ich meine Vorfreude mit etwas Vorsicht zu geniessen.
Die Busfahrt nach Esquel dauert 26 Stunden und führt über Chalten. Diesen Ort, nahe der chilenischen Grenze, gibt es erst seit 1985 und ist ein Paradies für Trecker, Wanderer und Bergsteiger. Die kleine Stadtwurde damals von der argentinischen Regierung, maßgeblich wegen Grenzstreitigkeiten mit Chile, regelrecht hingebaut. Dadurch sollte der Anspruch auf das Territorium untermauert werden. Dies sorgt nun anhaltend für Polemik, da beide Länder vor 1985 vertraglich festsetzten, die Zugehörigkeit dieser Region erst in näherer Zukunft zu definieren.
Lange Busfahrten sind oft langweilig und Mühsam. Trotzdem lasse ich mich immer wieder von der Weite des Landes hier unten faszinieren. Bergketten, zuerst weit am Horizont, dann plötzlich sehr nahe immer wieder sich verändernd in Beschaffenheit und Farbe. Auch das Licht ändert sich oft. Diese Eindrücke sind fast unmöglich mit einer Handykamera einzufangen und mit Worten sehr schwer zu beschreiben.



Wie auch immer, endlich gegen Mittag sind wir in Esquel und fünf Mitreisende und ich steigen hier aus. Der Bus fährt noch etwa drei Stunden, weiter nach Bariloche.

Ich habe über Airbnb bei «Paula» ein Zimmer gebucht und will sofort dahin um dann rasch möglichst rauszufinden was mit dem Patagonien Express möglich ist und was nicht.
Das Haus von Paula ist laut Google Map etwa einen Kilometer vom Busterminal entfernt und ich entscheide das ich zu Fuss dahin gehe. Das bereue ich bald, denn der asphaltierte Weg verwandelt sich schon nach fünf Minuten in eine Schotterstrasse und mein Rollköfferchen und ich müssen leiden. Aber wir finden hin und zwanzig Minuten später stehe ich in Paulas Küche. Paula entpuppt sich als wunderbare Gastgeberin. Sie weiss über vieles Bescheid und vor allem kann sie mir über alles was ich über den Patagonien Express wissen muss, erzählen.
Der Zug fährt noch zwei Mal die Woche und manchmal auch am Wochenende. Ich beschliesse gleich die erste Fahrgelegenheit am anderen Tag zu nutzen und mache mich auf den Weg zum Bahnhof um mir mein Ticket zu sichern.
Esquel ist eine wenig spektakulärere kleine Stadt. Im Sommer, also jetzt, lebt sie vom Tourismus den der alte Patagonien Express mit sich bringt und im Winter wird auf den umliegenden Bergen Ski gefahren. In einem dieser Berge hat es Goldadern und die örtliche Regierung möchte dieses Gold, aus dem Berg holen. Die Bürger im Ort und in der Provinz Chuput wehren sich vehement dagegen. Sie wollen nichts wissen von Naturverschandelung, von giftigen Abwässern und von billigen Arbeitskräften die dann von Ausserhalb in die Stadt kommen werden. Das ist zur Zeit der einzige Aufreger hier. Ansonsten ist es ein sehr, sehr ruhiger Ort. Wie geschaffen dafür, meine diversen aufbereiteten Berichte fertig zu gestalten und in den Blog zu stellen.
Es gibt auch hier eine kleine hübsche Weinbar und dort treffe ich immer am frühen Abend zur Aperozeit ein und verarbeite fertig was ich am Nachmittag im Garten von Paula begonnen habe.
Ok, aber nun ist erst Tag zwei in Esquel und ich bin unterwegs zum meiner Jungfernfahrt mit dem Spürchen.






Im Bahnhofsgebäude ist ein kleines Museum integriert und dort habe ich auch die dämliche Mütze gefunden. Ich konnte nicht Wiederstehen und habe mir das 100 jährige Ding aufgesetzt. Nachdem die Lokomotive Publikumsgerecht vor die Wagen gekoppelt wurde ging dann die Fahrt los.






Also ja, der Paul Theroux har das bereits 1978 sehr gut beschrieben. Mann hat immer das Gefühl dem Zug gehe demnächst die Puste aus. Aber das Zügli isch zäch wen e Chaib.
Etwas Wehmütig macht es schon, wenn mann bedenkt was dieser Zug für eine Geschichte hat. 1924 eingeweiht und Ein Symbol für eine aufstrebende Provinz in den Weiten von Patagonien. Schmuckstück der reichen Gesellschaft aus Buenos Aires und wieder eingestampft in die Geschichte und die Krisenzeiten der Nation Argentiniens. Wieder auferstanden wie die Phönix aus der Asche und nun ein etwas kümmerliches Dasein fristend, als rauchende zischende und pfeifende Touristen-Attraktion. Es ist der Trochita zu wünschen, dass die Pläne der Gemeinde Esquel irgendwann realisiert werden und der alte Patagonien Express wieder seine ursprüngliche Route durch die Pampas der Provinz Chuput fahren kann.
Als ich dann auf dem Rückweg noch den Speisewagen inspiziere treffe ich auf einen alten Bekannten, den ich hier nicht erwartet habe. Der Steckbrief von Butch Cassidy hängt hier an der Wand. Nun, der Cassidy ist 1866 geboren. Dieser Wagen ist frühestens. ab 1924 in Betrieb genommen worden. Ich bezweifle, dass Butch mit knapp fünfzig Jahren noch wild um sich schiessend Eisenbahnzüge ausgeraubt hat. Aber gut, ein bisschen Werbung mit einem berühmten Banditen kann man ja durchgehen lassen.



Und so geht meine Zugfahrt mit dem alten Patagonien Express zu Ende. Immerhin, dieser Zug ist gefahren. Langsam, aber stetig. Ob ich nun tatsächlich 14 Stunden mitfahren würde, wenn er denn je wieder fahren würde wie einst im Mai.
Das weiss ich jetzt nicht. Wenn, dann mindestens in der ersten Klasse. Aber ich denke, so genau muss ich dass jetzt noch nicht wissen. Bis sich die Regierung in Buenos Aires und die Chuputer einig werden, dürfte noch einige Zeit vergehen.

Den das kostet eine schöne Stange Geld. Und Geld ist auch in Buenos Aires nicht mehr so in Hülle und Fülle vorhanden. Tempi passati. Ja, und da bin ich auch schon beim Thema angekommen. Bei meinem nächsten und letzten Reiseziel, Buenos Aires. Ob ich mit dem Bus, Zug oder Flugzeug dahin komme, das weiss ich jetzt noch nicht. Um das zu planen, nehme ich mir hier in Esquel noch sicher zwei bis drei Tage Zeit.
Es ist jetzt noch etwas früh für das Weinlokal im Städtchen. Aber ich werde dort heute Abend sicher auf La Trochita das Glas heben und ihm viel Glück wünschen.
Euch wünsche ich viel Spass bei diesem Bericht. Bis bald in Buenos Aires
Marco
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