Edgar und Familie, seine Rancho und…….. die Schlaglöcher

Wie bereits angedeutet, auf dem Weg nach Chihuahua, im grossen neuen Buszentrum von El Paso lerne ich Edgar kennen. Seine Cousine Lisa hilft mir mit Ihrem Englisch aus einem Transportproblem mit der Reisegesellschaft und er mir zu einer mexikanischen Simkarte etc.etc.

Sie sind beide unterwegs von Neu Mexiko aus, nach Hause ins Hinterland von Chihuahua, auf die Rancho seiner Familie. Edgar ist ein sehr spezieller Mensch. Unheimlich herzlich und unheimlich laut und immer auf 180. Ausserdem hat er einen extremen Bewegungsdrang. Er läuft mit durchgestrecktem Kreuz umher, erzählt irgendwas und schlenkert seine Arme ständig in alle Himmelsrichtungen. Er ist immer in Bewegung. Auch beim Autofahren. Aber das merke ich leider erst viel später. Im Bus haben wir eine lustige Zeit. Seine Cousine Lisa übersetzt laufend auf englisch und so landen wir ein paar Stunden später in der Buszentrale von Chihuahua. Als er merkt, dass ich auf der Suche nach einem Hotel bin, lädt er mich spontan auf seine Rancho ein. Ich sagte natürlich zu. Der Besuch einer Rancho in Mexiko scheint mir verheissungsvoll. Alsbald hält ein Auto neben uns an und seine Mutter begrüsst uns und wir steigen alle ein. Edgar übernimmt das Steuer und es beginnt meine Leidenszeit. Ich mache es kurz. Ich habe Flugangst und bin beim einsteigen in einen Flieger überzeugt, dass genau dieser Flieger abstürzen wird. Seit Edgar kenne ich keine Flugangst mehr. Ich habe Edgar überlebt und werde heil nach Patagonien kommen. Seine Hände sind überall, nur nicht dort wo sie sein sollten. Das linke Handgelenk lässig auf dem Steuerrad aufgelegt und mit der rechten wild gestikulierend seinen Redefluss untermalend, umschifft er sämtliche Schlaglöcher, überholt lebensgefährlich und rast in die mexikanische Nacht. Wenn die rechte Hand nicht reicht benutzt er auch die Linke. Das sind dann die ganz speziellen Momente. Dem Himmel sehr nahe. Ich bin scheinbar der Einzige der um sein bisschen Leben bangt. Seine Mutter und die Cousine reden munter mit und sind total gelöst Das beruhigte mich dann mit der Zeit. Alles völlig normal für die Familie von Edgar. Nach knapp zwei Stunden sind wir da. Es ist stockdunkel und das Auto hält vor einem mittelgrossen einstöckigen Haus. Ein grosses Wohnzimmer, eine grosse Küche und im hinteren Teil die Schlafräume. Wir begrüssen Edgars Vater, seine Frau und die zwei Kinder, Jesoita und Pablito. Noch ein kurzes gegenseitiges beschnuppern; Mama Edgar zeigt mir das Gästezimmer und für mich geht ein sehr langer und sehr aufregender Tag zu Ende.

Ich bleibe drei Tage auf der Rancho. Es ist eine Rinderfarm. Sie liegt in einer Talsenke und die Sicht ist rundum sehr beschränkt. Der Vater erzählt mir, dass er schon sein ganzes Leben auf dieser Farm lebt. Er ist, im Gegensatz zu seinem Sohn, ein sehr ruhiger und wortkarger Mann. Wenn er am Abend von der Arbeit kommt, setzt er sich an den Tisch und seine Frau bringt das Abendbrot. Sie sind ein eingespieltes Team. Sie unterhalten sich leise. Wahrscheinlich über den Tagesablauf. Will er was, macht er eine Handbewegung oder lässt ein Knurren hören und sofort wird sein Wunsch erfüllt. Er ist nicht unfreundlich und sie absolut nicht devot. Ich habe das Gefühl einem uralten Ritual zuzusehen. 

Ja, und da ist immer noch Edgar. Mindestens dreimal am Tag schlägt er in seinem unkontrollierten Bewegungsdrang irgendwo etwas an. Soeben ist es das Schienbein, dass er an der offenen Ofentür anschlägt. Er brüllt vor Schmerz und schimpft lauthals. Niemand nimmt Notiz. Auch die Kinder nicht. Das gehört zum Alltag und ist absolut normal. Einmal, da läuft er laut etwas erklärend durch das Wohnzimmer. Seine linke Hand im Hosensack. Plötzlich schnellt die Hand unkontrolliert aus seinem Hosensack und das Handy, welches er umklammert hielt, fliegt quer durch das Haus. Er flucht, holt sein Handy und redet unbeirrt weiter. Niemand reagiert auch nur im geringsten. Wahrlich eine spezielle Familie. Aber ich glaube, Edgar ist bei seinen Lieben gut aufgehoben.

Ich erfahre erst jetzt, dass er gar nicht verheiratet ist. Am 30. Dezember werden die beiden Heiraten. Er muss noch neue Schuhe für sich und die Kinder kaufen. Er fährt mit Frau und Kinder nach Chihuahua und weil ich einen kleinen Rollkoffer brauche, fahre ich mit. Mit den Kindern im Auto, so denke ich, wird er wohl normal fahren. Falsch gedacht. Während sich die Familie lauthals unterhält erleide ich tausend Tode. Ich bedeutete ihm, dass ich ein Problem habe und er antwortete doch tatsächlich: Marco, don’t worry be happy. 

OK, wir kamen in Chihuahua an und machen unsere Einkäufe. Es ist ein sehr vergnüglicher Nachmittag. Die Rückkehr ist dann wieder wie gehabt: Die Leiden des alten Marco Roberto.

Leider fehlt der Vater auf dem Bild. Der war bereits um fünf Uhr früh am arbeiten.

Am nächsten Tag verabschiede ich mich von der Familie und Edgar fährt mich an eine Bushaltestelle wo der Bus nach Creel wartet. Der Abschied von Edgar ist herzlich. Ich mag den Spinner und wünsche ihm heimlich, er möge für den Rest seines Lebens sämtliche Schlaglöcher der Welt umfahren.

Creel und der El Cheppe ist das Thema des nächsten Blogs. Bis bald. El Gringo

2 Antworten zu „Edgar und Familie, seine Rancho und…….. die Schlaglöcher”.

  1. Vielen Dank für die lustige und interessante story lieber Marco
    weiterhin gute Reise
    Christoph

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  2. Das ist doch auch wie eine Weihnachtsgeschichte.
    Marco im „Stall“ von Edgar überlebt den Pilgerweg im Auto.

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