Oder: Wie ich aus allen Wolken gefallen bin
Ja liebe Mitreisende, so bestimmte Destinationen habe ich bei der Planung dieser Reise als jeweilige kleine oder grösserer Highlits definiert. Ich bin nicht speziell auf Eisenbahnen fixiert, jedoch ein Zug der durch ein Land fährt oder durch eine bestimmte Gegend hat eine gewisse Faszination. Bahnhöfe und Menschen im Zug finde ich spannend. Es ist also kein Zufall, dass es bestimmte Zugstrecken sind, welche mir auf dem Weg nach Patagonien begegnen, die eine etwas spezielle Erwartungshaltung beinhalten. Sicher auch deshalb, weil Zugfahren im Süden der USA, Mexiko, in Zentralamerika und in Südamerika sehr wenig oder überhaupt nicht stattfindet.
El Tren allas Nubes, hoch im Norden von Argentinien war ein solcher (gedachter) Höhepunkt.
Darum vielleicht, ist auch die Enttäuschung über das erlebte ziemlich gross. Die Rund-Reise verspricht eine ZUGFAHRT. Nicht mehr und nicht weniger. Von Salta, gelegen auf 1500 Meter, auf eine Höhe in den Anden von 4300 Meter. Erlebt habe ich eine fünfstündige Busfahrt auf 4100 Meter. Auf dieser Höhe, in San Antonio de los Cobres, eine kleine Minenstadt, werden die Fahrgäste in den Zug verladen und dann noch über das letzte Viadukt auf 4300m gebracht. Diese Fahrtim Zug dauert hin und zurück etwa eine Stunde. Dann wieder über vier Stunden Busfahren zurück nach Salta. Rechne: 10 Stunden im Bus und ca. eine Stunde Zug. Ich nenne das eine Verarschung.
Ich wusste, dass die Strecke teilweise wegen Unterhaltsarbeiten nicht hundert Prozent befahrbar war. Es war im Laufe des letzten Jahres die Rede davon, dass der Beginn der Reise mit dem Bus gefahren werden muss. Tatsächlich fuhr der Zug zum letzten Mal die ganze Strecke im Jahr 2015. Das habe ich hier vor Ort Erfahren.



Die ganze Werbung gaukelt eine Interessante Zugfahrt durch eine sich ständig abwechselnde Landschaft vor. Und das wäre es tatsächlich. Stattdessen werden von den Reiseführern, von denen sitzt in jedem der fünf Busse einer, mit Fotos und bildhaften Erklärungen von den hohen technischen Anforderungen erzählt, welche die grossartigen Ingenieure beim Bau dieser Bahnlinie zu überwinden hatten. Wenn dann der Tourist für die letzten 200 Meter Höhengewinn in den Zug steigt und der Zug über das letzte Viadukt fährt, wird das als das grosse Finale angekündet. Das tönt dann etwa so wie wenn im Kasperlitheater der Kasper die Kinder fragt: sind er alli do? Nur das die Reiseführerin dann in die Runde ruft: Freut ihr euch auf das Finale? Wenn nicht gleich ein totales begeistertes Jaaa in Chor zurückkommt, wird nachgefragt. Bis die Antwort genug laut und begeistert zurück schalt.



Die Fahrgäste werden richtig hysterisch und bringen sich in die bestmögliche Fotopositionen. Ich kann mir die allgemeine Aufregung, nur mit der nicht vorhandenen Erfahrung mit Zugfahren, erklären. Wahrscheinlich sitzen, vor allem die jüngeren Fahrgäste, die meisten zum ersten Mal in einem Zug.
Die Touristen setzen sich zu 90 Prozent aus Argentinier und ein paar wenigen Chilenen zusammen. Ich habe im Bus ein Pärchen aus Deutschland kennengelernt. Die beiden haben auch eine etwas andere Vorstellung von einer Zugsreise. Wir schauen gemeinsam dem Treiben etwas überrascht und auch belustigt zu.



Nun, kaum ist der Zug in einem grossen Bogen über das Viadukt gefahren, hält er in einem Tunnel an.
Ursprünglich sollte dieser Zug eine Verbindung zur Chilenischen Küste ermöglichen. Und die Geleise führten auch dorthin. Wegen politischen Querelen zwischen Argentinien und Chile kam die Verbindung jedoch nie zustande. Nun endet die Strecke in diesem Tunnel. Doch zurück zu unserem Zugabenteuer
Nun heisst es Plätze tauschen, damit auch ja alle auf der Rückfahrt Ihre Fotos, mit der Brücke im Hintergrund, machen können. Kaum ist der Zug von der Brücke runter, hält er wieder. Nun steigen wir alle aus und gehen zu Fuss zurück auf einen grossen Felsvorsprung direkt gegenüber dem Viadukt. Hie haben einheimische Indios Ihre Stände aufgestellt und verkaufen Ihre Produkte.



Das Viadukt im Hintergrund kann jetzt aus allen Positionen fotografiert werden. In aller Ruhe. Ja, und nun kommt der absolute Höhepunkt. Bitte verzeiht mir meinen Sarkasmus, aber jetzt tropft der Kitsch vom Felsen. Ein Reisebegleiter stellt einen riesigen Lautsprecher auf und es ertönt eine sehr pathetische und wuchtig klingende Melodie. Das Lied, ich dachte zuerst es sei die argentinische Nationalhymne, ist ein Lied aus einer Oper. Diese Oper wurde noch im Auftrag des Präsidenten Peron zur Komposition gegeben. Dies, um die Eintracht des argentinischen Volkes zu fördern. Als der letzte Ton der Hymne gegenüber im Tunnel auf dem Viadukt entschwindet, erklingt ein Allgemeines Bravorufen und alle klatschten begeistert in die Hände.
Nationale Einigkeit auf 4300 Meter Höhe. Jetzt fehlen noch unsere Traichler und mir kommen die TränenWir besteigen dann alle irgendwann wieder den Zug, fahren die halbe Stunde nach San Antonio de los Cobres und lassen uns glücklich und zufrieden wieder runter Autobussen. Ich bin restlos bedient.

Zurück in Salta, schon etwas spät, gehe ich auf die Piazza Central und suche mir ein Lokal, welches auf seiner Speisekarte viel gutes und vor allem einen guten Tropfen verspricht. Das Essen und den guten Tropfen habe ich mir redlich verdient. Salta ist übrigens ein wunderbares kleines Städtchen. Auf der Piazza ist ständig was los. Rund um die Piazza hat es viele schöne Cafés und Restaurants. Die Zubringerstrassen voller Geschäfte, Shops und viel Betrieb. Salta hat eine wunderschöne Kathedrale und den höchsten Kirchturm von ganz Argentinien. Von meinem Lieblingsort, dem Café Patio, kann ich den Turm jeden Tag bewundern.
Mein nächstes Ziel ist Mendoza, die Weinstadt von Argentinien. Da fährt leider auch kein Zug hin. Was soll’s, das Land hier ist ja voller wunderbarer Autobusse.
Saludos Muchachas e Caballieros
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