Es gibt so genannte «Mast-See» wenn Mann/Frau an irgendeinem bekannten oder berühmten Ort ist. In Paris zu sein ohne den Eifelturm gesehen zu haben ist eine Todsünde. Wenn Du da oder dort bist, musst Du unbedingt das oder jenes gesehen haben, ist oft der meist gutgemeinte Ratschlag Deiner Freunde oder Bekannten. Ja, kann sein, dass das so ist. Ich bin mir da jedoch nicht so sicher. Während die einen unbedingt die örtlichen grossen Museen besuchen müssen stehen für andere eher der Besuch von Parks und Plätzen und/oder das Fotographieren von wichtigen geschichtsträchtigen Gebäuden im Vordergrund. Am ersten Tag unbedingt eine Stadtrundfahrt buchen um sich einen Überblick zu verschaffen! Ja, vielleicht, aber wie auch immer oder was auch immer, ich entschliesse mich in Buenos Aires, per Pedes die nähere Umgebung zu erkunden und mal versuchen die Stadt zu spüren. Ohne genau sagen zu können warum, fühle Ich mich hier sofort wohl. Eine unaufgeregte Emsigkeit in den schmalen Häuserschluchten. Zwar sehr viel dichter Verkehr auf den grossen Avenues, den Hauptverkehrsadern der Stadt aber auch sehr viel Leben auf den breiten Trottoirs mit vielen Restaurants, Läden, Shops und Geschäftshäusern. Immer wieder schöne alte Häuser und selbst die mit unzähligen «hässlichen» Kühlaggregaten verklebten Fronten der Wohn- und Geschäftshäuser, können dem wohnlichen, ja behaglichen Äusseren in diesem riesigen Stadtzentrum, nichts anhaben. So erlebe ich Buenos Aires.





Am dritten Tag will ich den Cimiterio (Friedhof) Recoleto besuchen und wähle dafür als Transportmittel die Untergrundbahn (Subte). Das war keine gute Idee, denn ich steige irgendwo in den falschen Zug und komme im Stadtteil Palermo wieder an die Oberfläche. Den Recoleto habe ich um ca. 2-3 Kilometer verfehlt und stehe nun vor dem Eingang des ehemaligen Zoos von Buenos Aires, dem Ecoparque. Ok sage ich mir, der Friedhof kann warten, ich schaue mir mal diesen Ecoparque an. Es ist ein schöner Naturpark mit seltenen einheimischen Pflanzen, freilaufenden Tieren und Tiergehegen. Aber so recht kann ich mich für diesen Park nicht begeistern und ich mache mich nach kurzer Zeit auf den Weg Richtung Recoleta.



Der Friedhof trägt denselben Namen wie der Stadtteil in dem er angelegt ist. Hier sind die Töchter und die Söhne der Stadt begraben. Auch Evita Peron hat hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Wobei von Ruhe kann keine Rede sein. Pausenlos strömen Besucher hinter die Mauern von Recoleta. Es ist eine Ministadt aus lauter Mausoleen. Vor dem Eingangstor ein grosser Parkplatz wo die Busse die Touristengruppen ankarren. Schräg gegenüber eine Front aus Gartenrestaurants vor denen die Besucher Schlange stehen. Auf den Trottoirs Strassenmusikanten und Souvenierverkäufer. Nein, Ruhe ist da definitiv nicht.

Drinnen scheint ein Wettbewerb im Gange zu sein. Wer baut das teuerste und grösste Mausoleum. Ehemalige Generäle hoch zu Ross über ihren Gebeinen thronend oder Stadtväter in Rednerposen, Lebensgross auf Sockeln gemauert. Ich langweile mich bald und verlasse die Prunkvolle Stätte. Beim Hinausgehen mache ich noch ein Bild von zwei nebeneinander gebauten, praktisch gleich aussehenden Grabstätten. Die eine wunderbar gepflegt und erhalten und die andere total verlottert und vernachlässigt. Da scheint eine ehemals reiche Familie, im Laufe der Jahrzehnte, völlig verarmt zu sein. Tja, denke ich, Pech gehabt und freue mich darüber, an diesem Ort, noch etwas schwarzen Humor gefunden zu haben. Draussen vor der Friedhofsmauer muss ich gleich nochmals grinsen. Eine Kopflose in einem schwarzen Umhang gehüllte Figur, spielt auf einem gebogenen Sägeblatt die Geige und lässt in schauerlichen tönen einen alten Hit von Sting ertönen. Der Sensenmann von Recoleta ist ein Sting-Fan.
Ich gehe dann zu Fuss zurück zur Plaza Mayo und geniesse es einmal mehr durch die Häuserschluchten von Buenos Aires zu flanieren. Ja, und nach einem Espresso und einem (schon wieder) himmlischen Himbeertörtchen im Café Pertutti ist die Welt wieder Mausoleums frei und wunderbar.
Am Tag darauf ist Sonntag und immer sonntags findet im Stadtteil San Telmo, auf der Plaza Dorrego ein grosser Antiquitäten Markt statt. Von dort zieht sich dann ein Flohmarkt, entlang einer Schnurgeraden Strasse bis hin zur Plaza de Mayo. Ich schätze, dieser Flohmarkt ist knappe zwei Kilometer lang. Jeder Meter ein Genuss. San Telmo ist das Künstlerviertel von Buenos Aires und ist gespickt mit schönen alten Gebäuden, Galerien, Tangolokalen, tollen Beizli und Restaurants, und an diesem Tag auch mit Musikanten, Tanztruppen und Strassenkünstler. Ein Paradies für alle Sinne.



Gleich neben der kleinen Plaza eine wunderschöne alte Markthalle, vollgestopft mit Leben und Lärm. Also was soll ich sagen, wenn es denn irgendwo ein «Muss» gibt auf dieser Welt, das unbedingt besucht werden will, dann ist es San Telmo in Buenos Aires.



Der Name San Telmo bezeichnet den spanischen Namen des seligen Petrus Gonzales, ein Missionar der Seeleute und des spanischen Namens des heiligen Erasmus von Antiochia, dem Schutzpatron der Seeleute. Es gibt weltweit etwa 6-8 Orte die San Telmo heissen. Als ich zum zweiten Mal an diesem Tag die Plaza Dorrego ansteuere hat sich dort ein Tanztruppe installiert. Eine Tänzerin und zwei Tänzer tanzen Tango und Milonga. Eine Supertruppe.
Etwa eine Stunde dauert die Tanz- und Musikshow. Der kleine Platz tobt vor Begeisterung. Eigentlich will ich mir an diesem Abend eine Tangoshow ansehen. Jedoch nach dieser grandiosen Darbietung wird das überflüssig und ich beschliesse den Tag in San Telmo mit einem guten Nachtessen und einem guten Vino Tinto.



Am nächsten Tag ist Ruhetag. Ein Spaziergang rund um die Plaza de Mayo und dann setze ich mich unter einen Baum auf der Plaza und schreibe Berichte fertig. Ich beobachte wie an der Plaza de Mayo die roten Doppelstöckigen Busse zur Stadtrundfahrt starten und ich beschliesse für den nächsten Tag eine solche zu buchen. Es werden 17 Stationen angefahren und an jeder kann Mann/Frau aussteigen und sich vor Ort verweilen. Alle zwanzig Minuten kommt wieder ein Bus und die Besichtigung geht weiter. Über einen Kopfhörer wird in sechs Sprachen die Besichtigung kommentiert. Auch auf deutsch. Ok, ich starte also am anderen Tag so gegen elf Uhr Mittags meine Stadtrundfahrt.
An der dritten Station, in Boca, steige ich zum ersten Mal aus. Boca ist das italienischen Viertel in dieser Stadt. Der Bus hält unmittelbar vor der Bonbonera, dem Fussballstadion der Boca Juniors. Das Stadion hat diesen Namen wegen seiner rechteckigen Form. Die Pralinenschachtel. Es findet zwar jetzt kein Spiel statt aber es hat jede Menge Leute vor dem Gelb-Bau angemalten Stadion. Eine lange Schlange Wartender steht vor einem der Haupteingänge.



Die wollen alle das Stadion besichtigen und ich stelle mich hinten in die Reihe. Wenn ich schon mal da bin, denke ich und beobachte wie alle einen Zettel oder ein Ticket in den Händen halten. Ich gehe vor und frage wo diese Tickets gekauft werden können und der Aufpasser fragt mich ob ich Mitglied sei. Ich verneine und er winkt ab. Nur Mitglieder dürfen rein. Auch nur zur Besichtigung frage ich nach und so ist es dann. Nur Mitglieder dürfen auf die heiligen Stadionstufen. Ganz schön arrogant, denke ich. Nun, der Club hat mittlerweile an die 200’000.00 Mitglieder und kann sich das leisten. Das erklärt auch die vielen Leute die da um das Stadion rumstehen oder reinwollen. Ich gehe ein paar Schritte weiter an ein paar Souvenirläden vorbei und bleibe unter einem Balkon im ersten Stock eines Hauses stehen. Auf dem Balkon steht der Maradona mit einem Ball in der Hand und der Papst Franziskus der das Volk segnet. Ja, ganz schön Fussballverrückt die Argentinier. Zumindest die Boca-Junior-Fans. Viel mehr gibt es dann hier nicht mehr zu sehen und zwanzig Minuten später sitze ich wieder in einem roten Bus. Mein nächster Halt ist immer noch im Stadtteil Boca.

Wir fahren Richtung Hafen und ich sehe über zwei Häuserecken hinweg ein farbiges Haus, das mir bekannt vorkommt. Am Hafen ist wieder eine Haltestelle und ich nutze diese.
Boca ist nicht nur das Italienische Viertel dieser Stadt, Boca war auch einmal der ärmste Stadtteil von Buenos Aires. Der grösste Teil der italienischen Emigranten lebte hier. Noch 1950 wurde der Ort als Schandfleck der Stadt bezeichnet. Der Künstler Benito Quinquela Martin griff dann zum Farbeimer und malte einige Häuserfronten bunt an. Einige andere Künstler folgten ihm und 1959 wurde die Ecke, der Caminito, wie er getauft wurde, zur Museumsstrasse (calle museo) erklärt. Die bunte, etwa 100m lange Strasse, ist heute ein Wahrzeichen der Stadt und eine beliebte Touristenattraktion.


Ein Bier und ein Sandwich später hält der Bus vor dem Kunstmuseum der Stadt Buenos Aires. Das schaue ich mir an, denke ich und steige aus. Es ist ein riesiges altes, aus roten Backsteinen gebautes Haus. Ich vermute, dass das mal eine Fabrik war. Ich muss um den ganzen Block rum zum Haupteingang laufen und gehe über einen grossen Vorplatz auf den Eingang zu.


Ausser mir ist kein Mensch unterwegs und ich denke schon, dass das etwas seltsam ist. Auch wenn es ein Wochentag ist, ein paar wenige der 15 Millionen Einwohner von Buenos Aires gehen doch ab und zu ins Museum? Ich gehe also rein und steuere den Informationsschalter an. Dort steht eine uniformierte Dame und ich frage sie, ob es Eintritt kostet. Sie verneint und zeigt mit der Hand auf eine grosse breite Treppe und ich gehe diese Treppe hoch. Immer noch kein Mensch zu sehen. Auf einer grossen Leinwand oben an der Treppe läuft ein Werbefilm über das Museum. Immerhin ein Lebenszeichen. Die beiden Gänge welche links und rechts neben der Leinwand nach hinten führen sind leer. Nirgendwo ein Kunstwerk, ein Bild oder irgendwas. Nicht mal ein Museumswärter. Ich wende mich nach links und dort steht eine Plastik. Es sieht aus wie ein chinesischer Drache. Dieser windet sich über drei Stockwerke hoch, einem Lichtschacht entgegen. Aha, denke ich und steige mal die Treppen hoch. Ich finde nichts anderes. Gähnende Leere überall. Enttäuscht und auch etwas sauer steige ich wieder runter zur Dame an der Information und frage sie, ob da irgendwo irgend etwas ausgestellt ist. Sie verneint freundlich lächelnd und erklärt, die nächste Ausstellung findet im Monat März statt. Bei Saisonbeginn. Ich schaue sie lange an und zähle innerlich auf zehn. Warum die Dame mich reingelassen hat bleibt ihr Geheimnis. Was ich gerade über sie denke, bleibt mein Geheimnis. Und warum das Museum überhaupt offen ist, ist das dritte Geheimnis.
Leicht irritiert verlasse ich den Ort und erwische gerade noch den ersten zwanzig Minuten Bus. Insgesamt dauerte diese Stadtbesichtigung etwa sechs Stunden. Etwas müde, aber sehr zufrieden steige ich dann an der Plaza de Mayo zum letzten Mal aus. Und zum letzten Mal gehe ich auch in das Café Pertutti und hoffe, dass es noch ein Frambois-Törtli hat. Es hat.
Nun, vieles wenn nicht fast alles wird nun zum «letzten Mal», den übermorgen fliegt mein Flieger nach Zürich und meine Reise ist dann zu Ende. Morgen ist nochmals schreiben angesagt. Mit Ausnahme des letzten Berichtes über Buenos Aires, will ich alle Texte und Bilder geschrieben und in meinen Blog gelegt Wissen. Ja, Peng, so schnell geht das jetzt. Da habe ich ein Problem damit. Wie beende ich dieses Projekt, diese Berichte, welche zu schreiben mir mittlerweile zur lieben Gewohnheit geworden ist. Ich muss das jetzt mal so stehen lassen und sage kurz und bündig,
hasta luego, saludos Muchachas e Caballeros
Gracias
Hinterlasse eine Antwort zu Edi Antwort abbrechen